(Ge)zeiten

Die Sturmflut eines leeren Herbsttages spülte sie aneinander. B. stand ausgebrannt und gedankenlos am Tresen. Sein Leben drohte zu vaporisieren. Verzweifelt umgriff er fest das Glas, blickte zur Barfrau. Und durch sie hindurch in die Haltlosigkeit des Abends. J. zapfte ihm das nächste Bier. Sie sah seine Verlorenheit, wußte, er würde in ihr den Strohhalm suchen und konnte doch nichts dagegen tun.
Ein Gespräch entspann sich, ein Stein fiel in den ruhigen See ihres Seins und warf wellige, alles verändernde Kreise. Gemeinsam wollten sie der Strömung folgen, gaben sie sich dem jetzt reißend fließenden Wasser anheim.
Der romantische Blick auf das unendliche Meer ließ sie Untiefen nicht sehen.
Drohend und schnell türmte sich das Gewitter auf, ein Leben zu dritt schien unvorstellbar.
J. driftete in heimatliche Buchten, erfuhr Vergangenheiten, um die sie nicht wissen wollte und die ihr nicht halfen, eine für sie Bestand habende Entscheidung zu treffen.
Sie war im richtigen Alter. Auch ohne den Mitsegler hätte sie einen Benjamin lieben können. Gefährten sprachen zu, rieten ab. Nie hatte sich J. so allein im Unwetter gefühlt. Sie entschied sich für die Einsamkeit. B. heuerte auf anderen Schiffen an, schrieb ihr dann und wann eine Postkarte und blieb ihr fest verbunden. Oft trafen sie sich, tauschten Reiseberichte, verinnerlichten gegenseitig Sturmwarnungen und glätteten aufkommende Wogen. Dann bestieg der ehemalige Mitsegler ein Schiff und verschwand. Gelegentliche Wasserstandsmeldungen der J. verhallten unbeantwortet. Nur durch einen Zufall machte sie Jahre später den Ankerplatz seines Schiffes ausfindig und ging, ihn zu grüßen. Verhalten und geheimnisvoll waren seine Worte. Das Tau, das sie einst verband, schien gerissen.
Und es war der heftige Sommerregen, unter dem sie standen, der sie vielleicht für immer voneinander weg spülte.
Nachtrag: Mit Dank für mehr als Inspirationen einer bereichernden, tiefsinnigen und verbindenden Nacht.