Zuflucht
Schweigend liefen sie nebeneinander hügelan durch morgenfeuchte Wiesen. Gierig trank die Sonne den Tau aus Blütenkelchen und von Halmen.
Sie sahen sich an; T., Absolventin der letzten Abiturklasse, die er unterrichtet hatte und J., Mathematiker, ihr Lehrer. Lange waren sie sich nicht begegnet, war er nicht mehr im Hause ihres Vaters, seines Freundes, gewesen.
Ihre Leben hatten einander begleitet, sich an wichtigen und unwichtigen Tagen gekreuzt. T. hatte die Kleinstadt verlassen. Er war dort geblieben, lebte seit vierzig Jahren ein Leben, daß er als gleichförmig bezeichnete. Ja, geliebt haben mußte er sie wohl einst, seine Frau. Er konnte sich nicht mehr erinnern, schien es, wollte vergessen und sich verzeihen, daß er nie versucht hatte auszubrechen aus einem Alltag, der ihn nichts mehr fühlen ließ, der seine Frau zu einer Frau neben ihm machte.
Dann starb sein Sohn. J. fühlte kurzzeitig.
Er betäubte sich, seine Profession wurde zur Droge. Das Jonglieren mit Zahlen fraß wie geplant seine Zeit und bescherte ihm ansehnliche Nebeneinkünfte. Seine Frau nahm es hin.
All das wußte T., konnte die Spuren des Gewesenen in seinem Gesicht lesen. Aber da war noch etwas. Ein weicher Zug, der ihr nie zuvor aufgefallen war.
Sie ermutigte ihn nicht, erwartete nichts, er würde reden.
J. brach gedankenlos einen Halm. Worte entströmten ihm, die sie versuchte in die Lücken zu füllen, die ihr in seinem Leben klafften.
Erschöpft sei er gewesen, zur Erholung gefahren, allein. Und dort hatte er sie getroffen, die Frau, die ihm anfangs so unfaßbar entfernt schien. Sie hatte ihn gesucht, seine Unnahbarkeit und Verschlossenheit gebrochen. Ihre Gegenwart die seine wurde, zeigte ihm eine Intensität, die er nie erlebt hatte. Er pulsierte, tauchte mit ihr in Momente der Tiefe, die er sich nie hatte vorstellen können. Und er fragte sich, was die Jahre davor gewesen waren, ein Sein verschenkt an nie geträumte Träume? Und ob es denn jetzt begänne sein Leben?
Sie wollte mit ihm sein. In einer entfernten Stadt sollte er all das finden, was er bisher nicht gekannt zu haben glaubte.
T. lächtelte ob des Funkelns in seinen Augen.
Wieder begleitete sie Stille, nur durchbrochen vom Singen der Blätter im Wind.
„Das Glück ist ein flüchtiger Gast“, brach es unvermittelt aus ihm heraus. Dann schwieg er. Kein Wort fiel mehr auf ihrem Weg.
Er war zurückgekehrt zur Frau neben ihm, dem Füllhorn der Gefühle nicht gefolgt.
Seine letzten Worte, an denen er zu zerbrechen schien und eine ihr fremde, vorgestellte Einsamkeit begleiteten T. zurück in ihre Stadt, zurück in ihr Leben.
Sie sahen sich an; T., Absolventin der letzten Abiturklasse, die er unterrichtet hatte und J., Mathematiker, ihr Lehrer. Lange waren sie sich nicht begegnet, war er nicht mehr im Hause ihres Vaters, seines Freundes, gewesen.
Ihre Leben hatten einander begleitet, sich an wichtigen und unwichtigen Tagen gekreuzt. T. hatte die Kleinstadt verlassen. Er war dort geblieben, lebte seit vierzig Jahren ein Leben, daß er als gleichförmig bezeichnete. Ja, geliebt haben mußte er sie wohl einst, seine Frau. Er konnte sich nicht mehr erinnern, schien es, wollte vergessen und sich verzeihen, daß er nie versucht hatte auszubrechen aus einem Alltag, der ihn nichts mehr fühlen ließ, der seine Frau zu einer Frau neben ihm machte.
Dann starb sein Sohn. J. fühlte kurzzeitig.
Er betäubte sich, seine Profession wurde zur Droge. Das Jonglieren mit Zahlen fraß wie geplant seine Zeit und bescherte ihm ansehnliche Nebeneinkünfte. Seine Frau nahm es hin.
All das wußte T., konnte die Spuren des Gewesenen in seinem Gesicht lesen. Aber da war noch etwas. Ein weicher Zug, der ihr nie zuvor aufgefallen war.
Sie ermutigte ihn nicht, erwartete nichts, er würde reden.
J. brach gedankenlos einen Halm. Worte entströmten ihm, die sie versuchte in die Lücken zu füllen, die ihr in seinem Leben klafften.
Erschöpft sei er gewesen, zur Erholung gefahren, allein. Und dort hatte er sie getroffen, die Frau, die ihm anfangs so unfaßbar entfernt schien. Sie hatte ihn gesucht, seine Unnahbarkeit und Verschlossenheit gebrochen. Ihre Gegenwart die seine wurde, zeigte ihm eine Intensität, die er nie erlebt hatte. Er pulsierte, tauchte mit ihr in Momente der Tiefe, die er sich nie hatte vorstellen können. Und er fragte sich, was die Jahre davor gewesen waren, ein Sein verschenkt an nie geträumte Träume? Und ob es denn jetzt begänne sein Leben?
Sie wollte mit ihm sein. In einer entfernten Stadt sollte er all das finden, was er bisher nicht gekannt zu haben glaubte.
T. lächtelte ob des Funkelns in seinen Augen.
Wieder begleitete sie Stille, nur durchbrochen vom Singen der Blätter im Wind.
„Das Glück ist ein flüchtiger Gast“, brach es unvermittelt aus ihm heraus. Dann schwieg er. Kein Wort fiel mehr auf ihrem Weg.
Er war zurückgekehrt zur Frau neben ihm, dem Füllhorn der Gefühle nicht gefolgt.
Seine letzten Worte, an denen er zu zerbrechen schien und eine ihr fremde, vorgestellte Einsamkeit begleiteten T. zurück in ihre Stadt, zurück in ihr Leben.