Wir trafen uns an einem Morgen im September.
Du grüßtest mich im kalten Herbstnebel, verbargst darin deinen gefährlichen Sog.
Ich versuchte, mich mit dir zu arrangieren. Vorsichtig schlich ich mich in dein Leben.
Spartanisch waren die Utensilien meiner Ankunft. Suchend durchquerte ich dich, verpaßte, fand nicht.
Du warst soviel auf einmal. Zuviel für mich Fremde. Offen wollte ich sein und dich verstehen. Du hast es mir so unendlich schwer gemacht, mich mit Einsamkeit gestraft, in Spelunken getrieben, auf der Suche nach Anschluß. Du hast zugesehen, wie ich mich betrank im Mißerfolg.
Von ganz unten habe ich zu dir aufgeschaut und du hast mich ignoriert, nichts getan, um mir aufzuhelfen. ‚Bezwing’ mich’ habe ich in deinem hämischen Grinsen gelesen und mich nach Hause geschleppt, in ein Loch ohne Ofen, mit von der Wand bröselnder Tapete, einem Ausguß in der improvisierten Küche, dem Klo auf halber Treppe.
Ich habe mich durch den ersten Winter gefroren, dich Tag um Tag verflucht und wollte doch nie dahin zurück, woher du mich mit betörenden Versprechungen vom wirklichen Leben gelockt hattest.
Begegnet waren wir uns schon früher, flüchtig. Kennen gelernt hatte ich dich dabei nie. Neugierig auf dich war ich immer geblieben.
Jetzt in dir, wollte ich dich besitzen. Du solltest mein Sprungbrett werden für Fernen, die niemand glaubhaft beschreiben konnte - damals.
Ich entdeckte ein mögliches Leben mit dir. Wir haben die Nacht zum Tag gemacht, das Leben im Exzeß genossen, Grenzen überschritten, Tabus gebrochen, Gefahren heraufbeschworen, Ängste verdrängt.
Nur springen konnte ich nicht - vorerst. Ich blieb mit dir, entdeckte durch dich wunderbare Menschen, habe mit ihnen gelebt, sie geliebt. Du hast mich beobachtet, mein Glück begleitet, mein Weinen in Enttäuschung und Unglück ertragen. Du hast mich verwöhnt, schenktest mir unfaßbar schöne Tage. Und du mußt mich gehaßt haben, als du mir nicht enden wollende, dunkle Nächte beschertest, mich in quälender Angst allein lgelassen hast.
Ich habe dich verlassen, auch deshalb, mich anderswo mit deinen Schwestern verlustiert, dich in der vertraut gewordenen Fremde irgendwann nicht mehr vermißt. Du entflohst meinen Gedanken, entschwandest in der Vergangenheit, schienst nicht wiederkehren zu wollen.
Und doch konnte ich dich nicht endgültig vergessen. Du hattest dich mit meinen Träumen verbündet.
In unterdessen vertrauter Fremde wuchs Sehnsucht. Ich kehrte zu dir zurück – ein anderer Beginn unseres gemeinsamen Seins. Neugierig öffnete ich meinen Koffer, der immer bei dir stand. Wieder ertrugst du meine Liebe, meinen Haß, gabst mir beides.
Wir kommen nicht voneinander los – zwanzig Jahre mit dir sind die Hälfte meines Lebens - zuviel, um einfach gehen zu können.
