Nächtens...
Wo genau das sei, wo ich hin wolle fragt er mich unsicher. Ich beschreibe dem Taxifahrer das Ziel der kurzen gemeinsamen Reise. Er entschuldigt sich, erst seit drei Wochen mache er diesen Job. „Und davor“, frage ich neugierig. „Ich war Steinesetzer“, entgegnet er. „Sie haben also Grabsteine gesetzt?“, mutmaße ich. „Nein, da so (er zeigt auf einen vorbeifliegenden Bürgersteig), da habe ich Steine gesetzt.“ Neugierig will ich wissen: „Und warum tun sie das nicht mehr?“ „Mein Sohn, ich kann dann nicht zu ihm nach Hause, wenn er mich braucht.“ Ich verstehe nicht und will mehr wissen. „Warum müssen sie tagsüber zu ihrem Sohn?“, frage ich, meine offensive Neugier entschuldigend. „Er ist zwölf, er hat irgendeine Stoffwechselerkrankung, er kann nicht sprechen, nicht laufen, meine Frau schafft das nicht allein. Ich muss ihr helfen.“ Von seiner so innigst väterlichen Reaktion beeindruckt frage ich ihn nach der Diagnose. Sein „ich weiß es nicht, die Ärzte sagen nichts, sie wissen es vielleicht nicht“, drückt mich tief in den Sitz und meinen Magen in den Wutmodus. Zwölf Jahre schon leidet sein Sohn, zwölf Jahre schon hält man ihn und seine Familie hin, zwölf Jahre schon zwingt man ihn und seine Lieben mit einer vorgeblichen Ungewissheit zu leben? Warum? Weil er Türke ist, nicht fließend die Amtssprache spricht, man ihm Dinge deshalb nicht erklärt, einen erhöhten Diagnose- und/oder Pflegekostenaufwand vermeiden will? Das sind meine Mutmaßungen – sicher. Aber das ist auch meine Wut. Berührt und tatenwillig gebe ich ihm meine Visitenkarte, erkläre ihm, dass ich nichts versprechen kann, aber mein Möglichstes tun werde - klein in meinem Sein, sehr willig im Kampf gegen Ungerechtigkeit. Er bedankt sich, will mir schreiben und würde sich freuen, wenn ich für seinen Sohn etwas erreichen könnte. Ich werde es versuchen - das habe ich ihm fest versprochen.