Arbeitsagentur – Erfahrungsbericht einer angehenden Terroristin IV
Tag des Sit-ins. 8.15 Uhr.
Ich trete an den Infoschalter und teile der Dame mit, dass ich die Unterlagen für die Arbeitslosmeldung, den Antrag auf Gründungszuschuss und den Antrag auf freiwillige Arbeitslosengeldversicherung abgeben möchte und ein Mitarbeiter die Unterlagen auf Vollständigkeit prüfen und mir den Eingang schriftlich bestätigen sollte.
Die Schalterfrau: „Da müssen sie einen Termin machen.“ Ich: „Das habe ich mehrfach erfolglos telefonisch versucht. Ich habe alles dabei und möchte es jetzt abgeben.“ Sie: „Sie müssen einen Termin machen.“ Ich: „Ich mag nicht umsonst hier gewesen sein. Wie lösen wir das jetzt Frau Müller?“ (Ich hatte schnell auf den Namensaufsteller hinter ihrem Tresen gelinst – die persönliche Ansprache hilft immer!) Frau Müller sieht sich sichtlich schlechten Gewissens im Zugzwang und verweist mich in den Warteraum. Teilsieg denke ich.
Eine kleine Frau mittleren Alters holt mich 25 Minuten später ab. Schnell das Namensschild lesen – Frau Schmidt also.
Frau Schmidt fragt nach meinem Begehr. Ich zähle alles auf. Sie: „Sie hätten einen Termin machen müssen.“ Ich platze gleich, sage aber ruhig: „Frau Schmidt, das habe ich versucht und mir wurde von der Hotline gesagt, es gäbe erst übernächsten Monat Termine.“ Frau Schmidt hackt panisch auf ihrer Tastatur herum und zeigt mir dann stolz auf ihrem Bildschirm, dass sehr wohl Termine frei sind. Ich: „Klasse, dann hätte man mir doch einen geben können.“ Frau Schmidt: „Ich verstehe das nicht.“ Ich: „Ist ja jetzt egal. Ich bin hier, lassen sie uns die Unterlagen durchgehen.“ Das tun wir. Es ist alles vollständig. Frau Schmidt sieht zufällig die Einladung zum Gespräch und meint: „Sie hatten doch einen Termin.“ Ich: „Ja, aber der wäre zu spät und schauen sie mal hier, unter der Telefonnummer ertönt ein ‚kein Anschluß unter dieser Nummer’.“ Sie: „Diese Nummer gibt es schon lange nicht mehr.“ Ich: „Und warum steht die dann auf dem Briefkopf?“ Frau Schmidt: „Das verstehe ich auch nicht.“ Ist ja nun auch Wurst. Frau Schmidt fragt nun leicht überfordert: „Was brauchen wir jetzt noch?“ Wer jetzt genau – sie oder ich? Ich glaub’ ich spinne. Woher soll ich das wissen? Ich: „Frau Schmidt, sagen sie mir, was noch notwendig ist.“ Sie: „Ich weiß nicht.“ Großartig! Krieg’ ich jetzt hier als Coach bezahlt oder was? Ich: „Geben sie mir eine schriftliche Bestätigung, dass sie alles erhalten haben.“ Frau Schmidt: „Wie soll ich das machen?“ Sie regrediert nicht – ich verbuche das als ihren Ist-Zustand. Ich: „Geben sie mir bitte einfach eine Kopie der Anträge mit Stempel und Unterschrift.“ Das tut sie ohne zu murren.
Ich frage Frau Schmidt wie es nun für mich weiter geht. Sie: „Man wird sie anschreiben.“ Ich: „Kann ich hier einen direkten Ansprechpartner kontaktieren?“ Sie: „Nein, das geht nicht.“ Ich: „Dann geben sie mir bitte wenigstens eine Email-Adresse.“ Frau Schmidt fängt an, sichtlich verwirrt, in ihrem internen Posteingang zu suchen. Ich komme mir wie die unfreiwillige Zeugin eines Blindversuches im Computeranfängerkurs vor. Frau Schmidt kritzelt etwas auf einen Zettel, das nicht mal im Entferntesten einer Email-Adresse nahe kommt. Ein @ fehlt völlig und ist auch nicht umschrieben. Ich fühle mich versucht, im Schnelldurchlauf eine Minischulung abzuhalten und – halte die Klappe. Statt dessen sage ich: „Frau Schmidt, lassen sie es gut sein. Ich komme einfach wieder zu ihnen.“ Frau Schmidt freut sich nicht über den angekündigten Besuch. Ich verabschiede mich und lasse sie mit ihren eklatanten Wissenslücken einfach allein. So bin ich (geworden – hier!).
Nun schnell noch den Antrag auf freiwillige Arbeitslosengeldversicherung abgeben denke ich. Zwei Etagen höher werde ich gleich auf dem Flur in Empfang genommen.
Das Rotationsprinzip der Mitarbeiter der Anstalt zwecks Vermeidung jeglicher Kundenbindung scheint in Lichtgeschwindigkeit zu funktionieren. Die nette, wissende Dame, die mir vor zwei Wochen die Formulare aushändigte, scheint von der Fliehkraft weggetragen worden zu sein.
Mir gegenüber posiert statt dessen ein Jüngling, der dem Aussehen nach alle Listen im Sport verbotener Substanzen gründlich abgearbeitet hat – offensichtlich mit bekannten Folgen. Er nimmt meinen Antrag entgegen, zieht eine Mappe vom Schreibtisch und vergleicht das ausgefüllte Formular Punkt für Punkt mit einem Muster. Ich mag nicht glauben was ich sehe!
Dann sagt er: „Ich brauche ihre Gewerbeanmeldung!“ Ich: „Schauen Sie bitte mal auf meine künftige Tätigkeitsbezeichnung im Antrag. ICH brauche KEINE Gewerbeanmeldung.“ Er: „Dann brauche ich ihren Antrag auf eine Steuernummer.“ Ich: „Was meinen sie? Ich habe eine Steuernummer für meine selbständige Tätigkeit beantragt, den Antrag kopielos abgegeben und eine Steuernummer erhalten. Die gebe ich ihnen gern.“ Er: „Ich brauche ihren Antrag.“ Ich: „Was meinen sie?“ Er: „Na sie müssen doch irgendwann mal eine Steuernummer beantragt haben.“ Ich denke ‚Herr lass Hirn regnen’ und es entfleucht mir unkontrolliert: „Wissen sie, ich habe schon steuerpflichtig gearbeitet, als sie noch mit der Trommel um den Baum gerannt sind! Woher soll ich bitte heute noch wissen, wo meine erste Steuernummer herkam?“ Er: „Ich brauche den Antrag!“ Ich krame in meinen mitgeführten Unterlagen (die vorsichtshalber vom ersten Schrei bis zum letzten Dünnschiss alles enthalten was amtlich protokolliert werden kann): „Hier ist der Bescheid vom Finanzamt über die Erteilung der Steuernummer, wenn sie sich den bitte kopieren würden. Mehr habe ich nicht. Und Nachfragen dazu beantworte ich, wenn sie von kompetenter Stelle gestellt werden.“
Mir ist danach, ihm eine rein zu hauen. Aber ich erinnere mich an das Wort ‚Manieren’ und daran, dass man keine Schwächeren schlägt auch wenn sie alles tun, um wenigstens optisch diesen Eindruck nicht zu erwecken.
Der Jüngling, sichtlich sauer, erhebt sich zu voller Napoleongröße und begleitet mich ins Erdgeschoss zum Kopierer. Während er kopiert, höre ich zwangsläufig das Gespräch einer Kundin am Infoschalter mit. Sie hat während eines laufenden Verhältnisses mit der Arbeitsagentur geheiratet, den Namen ihres Mannes angenommen, dies pflichtgemäß kund getan und existiert jetzt, wie sich heraus stellt, als zweifache Karteileiche im Computer der Anstalt. Mir schwant: ich hätte es schlimmer treffen können.
Das Muskelpaket stempelt und unterschreibt widerwillig die Kopie meines Antrages und zischt mir von unten ein „Sie sollten sich ihr Auftreten hier mal durch den Kopf gehen lassen“ entgegen. Ich kann und will nicht mehr – und nett sein schon gar nicht. Deshalb zische ich zurück: „Und sie sollten mal über Kompetenz nachdenken. Die Vorgängerin an ihrem Schreibtisch hatte davon sehr viel.“
Mit einem geheuchelten „Auf Wiedersehen“ verlasse ich das Gebäude.
Es ist 10:15 Uhr.
DIE haben jetzt alles was sie brauchen, um mir meinen Rechtsanspruch fristgemäß zu gewähren.
Ich warte.
- Fortsetzung folgt –
Ich trete an den Infoschalter und teile der Dame mit, dass ich die Unterlagen für die Arbeitslosmeldung, den Antrag auf Gründungszuschuss und den Antrag auf freiwillige Arbeitslosengeldversicherung abgeben möchte und ein Mitarbeiter die Unterlagen auf Vollständigkeit prüfen und mir den Eingang schriftlich bestätigen sollte.
Die Schalterfrau: „Da müssen sie einen Termin machen.“ Ich: „Das habe ich mehrfach erfolglos telefonisch versucht. Ich habe alles dabei und möchte es jetzt abgeben.“ Sie: „Sie müssen einen Termin machen.“ Ich: „Ich mag nicht umsonst hier gewesen sein. Wie lösen wir das jetzt Frau Müller?“ (Ich hatte schnell auf den Namensaufsteller hinter ihrem Tresen gelinst – die persönliche Ansprache hilft immer!) Frau Müller sieht sich sichtlich schlechten Gewissens im Zugzwang und verweist mich in den Warteraum. Teilsieg denke ich.
Eine kleine Frau mittleren Alters holt mich 25 Minuten später ab. Schnell das Namensschild lesen – Frau Schmidt also.
Frau Schmidt fragt nach meinem Begehr. Ich zähle alles auf. Sie: „Sie hätten einen Termin machen müssen.“ Ich platze gleich, sage aber ruhig: „Frau Schmidt, das habe ich versucht und mir wurde von der Hotline gesagt, es gäbe erst übernächsten Monat Termine.“ Frau Schmidt hackt panisch auf ihrer Tastatur herum und zeigt mir dann stolz auf ihrem Bildschirm, dass sehr wohl Termine frei sind. Ich: „Klasse, dann hätte man mir doch einen geben können.“ Frau Schmidt: „Ich verstehe das nicht.“ Ich: „Ist ja jetzt egal. Ich bin hier, lassen sie uns die Unterlagen durchgehen.“ Das tun wir. Es ist alles vollständig. Frau Schmidt sieht zufällig die Einladung zum Gespräch und meint: „Sie hatten doch einen Termin.“ Ich: „Ja, aber der wäre zu spät und schauen sie mal hier, unter der Telefonnummer ertönt ein ‚kein Anschluß unter dieser Nummer’.“ Sie: „Diese Nummer gibt es schon lange nicht mehr.“ Ich: „Und warum steht die dann auf dem Briefkopf?“ Frau Schmidt: „Das verstehe ich auch nicht.“ Ist ja nun auch Wurst. Frau Schmidt fragt nun leicht überfordert: „Was brauchen wir jetzt noch?“ Wer jetzt genau – sie oder ich? Ich glaub’ ich spinne. Woher soll ich das wissen? Ich: „Frau Schmidt, sagen sie mir, was noch notwendig ist.“ Sie: „Ich weiß nicht.“ Großartig! Krieg’ ich jetzt hier als Coach bezahlt oder was? Ich: „Geben sie mir eine schriftliche Bestätigung, dass sie alles erhalten haben.“ Frau Schmidt: „Wie soll ich das machen?“ Sie regrediert nicht – ich verbuche das als ihren Ist-Zustand. Ich: „Geben sie mir bitte einfach eine Kopie der Anträge mit Stempel und Unterschrift.“ Das tut sie ohne zu murren.
Ich frage Frau Schmidt wie es nun für mich weiter geht. Sie: „Man wird sie anschreiben.“ Ich: „Kann ich hier einen direkten Ansprechpartner kontaktieren?“ Sie: „Nein, das geht nicht.“ Ich: „Dann geben sie mir bitte wenigstens eine Email-Adresse.“ Frau Schmidt fängt an, sichtlich verwirrt, in ihrem internen Posteingang zu suchen. Ich komme mir wie die unfreiwillige Zeugin eines Blindversuches im Computeranfängerkurs vor. Frau Schmidt kritzelt etwas auf einen Zettel, das nicht mal im Entferntesten einer Email-Adresse nahe kommt. Ein @ fehlt völlig und ist auch nicht umschrieben. Ich fühle mich versucht, im Schnelldurchlauf eine Minischulung abzuhalten und – halte die Klappe. Statt dessen sage ich: „Frau Schmidt, lassen sie es gut sein. Ich komme einfach wieder zu ihnen.“ Frau Schmidt freut sich nicht über den angekündigten Besuch. Ich verabschiede mich und lasse sie mit ihren eklatanten Wissenslücken einfach allein. So bin ich (geworden – hier!).
Nun schnell noch den Antrag auf freiwillige Arbeitslosengeldversicherung abgeben denke ich. Zwei Etagen höher werde ich gleich auf dem Flur in Empfang genommen.
Das Rotationsprinzip der Mitarbeiter der Anstalt zwecks Vermeidung jeglicher Kundenbindung scheint in Lichtgeschwindigkeit zu funktionieren. Die nette, wissende Dame, die mir vor zwei Wochen die Formulare aushändigte, scheint von der Fliehkraft weggetragen worden zu sein.
Mir gegenüber posiert statt dessen ein Jüngling, der dem Aussehen nach alle Listen im Sport verbotener Substanzen gründlich abgearbeitet hat – offensichtlich mit bekannten Folgen. Er nimmt meinen Antrag entgegen, zieht eine Mappe vom Schreibtisch und vergleicht das ausgefüllte Formular Punkt für Punkt mit einem Muster. Ich mag nicht glauben was ich sehe!
Dann sagt er: „Ich brauche ihre Gewerbeanmeldung!“ Ich: „Schauen Sie bitte mal auf meine künftige Tätigkeitsbezeichnung im Antrag. ICH brauche KEINE Gewerbeanmeldung.“ Er: „Dann brauche ich ihren Antrag auf eine Steuernummer.“ Ich: „Was meinen sie? Ich habe eine Steuernummer für meine selbständige Tätigkeit beantragt, den Antrag kopielos abgegeben und eine Steuernummer erhalten. Die gebe ich ihnen gern.“ Er: „Ich brauche ihren Antrag.“ Ich: „Was meinen sie?“ Er: „Na sie müssen doch irgendwann mal eine Steuernummer beantragt haben.“ Ich denke ‚Herr lass Hirn regnen’ und es entfleucht mir unkontrolliert: „Wissen sie, ich habe schon steuerpflichtig gearbeitet, als sie noch mit der Trommel um den Baum gerannt sind! Woher soll ich bitte heute noch wissen, wo meine erste Steuernummer herkam?“ Er: „Ich brauche den Antrag!“ Ich krame in meinen mitgeführten Unterlagen (die vorsichtshalber vom ersten Schrei bis zum letzten Dünnschiss alles enthalten was amtlich protokolliert werden kann): „Hier ist der Bescheid vom Finanzamt über die Erteilung der Steuernummer, wenn sie sich den bitte kopieren würden. Mehr habe ich nicht. Und Nachfragen dazu beantworte ich, wenn sie von kompetenter Stelle gestellt werden.“
Mir ist danach, ihm eine rein zu hauen. Aber ich erinnere mich an das Wort ‚Manieren’ und daran, dass man keine Schwächeren schlägt auch wenn sie alles tun, um wenigstens optisch diesen Eindruck nicht zu erwecken.
Der Jüngling, sichtlich sauer, erhebt sich zu voller Napoleongröße und begleitet mich ins Erdgeschoss zum Kopierer. Während er kopiert, höre ich zwangsläufig das Gespräch einer Kundin am Infoschalter mit. Sie hat während eines laufenden Verhältnisses mit der Arbeitsagentur geheiratet, den Namen ihres Mannes angenommen, dies pflichtgemäß kund getan und existiert jetzt, wie sich heraus stellt, als zweifache Karteileiche im Computer der Anstalt. Mir schwant: ich hätte es schlimmer treffen können.
Das Muskelpaket stempelt und unterschreibt widerwillig die Kopie meines Antrages und zischt mir von unten ein „Sie sollten sich ihr Auftreten hier mal durch den Kopf gehen lassen“ entgegen. Ich kann und will nicht mehr – und nett sein schon gar nicht. Deshalb zische ich zurück: „Und sie sollten mal über Kompetenz nachdenken. Die Vorgängerin an ihrem Schreibtisch hatte davon sehr viel.“
Mit einem geheuchelten „Auf Wiedersehen“ verlasse ich das Gebäude.
Es ist 10:15 Uhr.
DIE haben jetzt alles was sie brauchen, um mir meinen Rechtsanspruch fristgemäß zu gewähren.
Ich warte.
- Fortsetzung folgt –
wow.. dem schnösel hätte ich deutlichere und vor allem weithin hörbarere worte an den kopf geschmissen. sie sind viel zu nett. ;-)