
Sieben Uhr. Im Halbschlaf mit den Öffentlichen ins Büro. Die Straßenbahn lässt sich Zeit. Als nach zehn Minuten zwei Bahnen nacheinander kommen, bleibt die Wahl zwischen Pest und Cholera. Die erste ist so voll, dass nur durch unerzogenes Drängeln ein Mitfahren möglich scheint. Die zweite wird zwangsläufig an jeder Ampel ein Mal länger stehen. Ich entscheide mich für's Zuspätkommen. Umsteigen in die S-Bahn. Die Minusgrade lassen Bahnen ausfallen. Durchsage keine. Und Berliner sind nicht nett, wenn sie etwas wollen - pünktlich zur Arbeit kommen zum Beispiel. Tumulte während des Ein- und Aussteigens. Die Lehrerin einer eingequetschten Schulklasse ruft in der Bahn laut Namen auf, Schüler schreien 'hier'. Alle hatten es geschafft. Aus euch wird was Kids! Zwei Stationen später haste ich aus der lahmen Lemminge-Beförderungsmaschine und renne ins Büro. Danke Bahn für ungewollten Frühsport und wohltemperierten Körper. Im Büro: 16 Grad, den dritten Tag schon. Die Hausverwaltung lege ich in der Kategorie 'Versager' ab. Bleibt die Entscheidung zwischen hektoliterweise heißem Tee mit notwendig folgender Pionierblase und stringenter Aufgabenbewältigung. Frierend und zwangsweise entscheide ich mich für Letzeres. Zehn Stunden später. Die Eishölle spuckt mich aus. Straßenbahnhaltestelle. Ein Termin drückt. Die Anzeige blinkt seit geschlagenen zehn Minuten die Ankündigung der einfahrenden Bahn. Die ist trotzdem nicht zu sehen und die Anzahl wartender Eis-Stalagmiten wächst sekündlich. Irgendwann teilt die BVG mit, dass wegen eines parkenden Fahrzeuges der Straßenbahnverkehr beider hier verkehrender Linien auf unbestimmte Zeit eingestellt ist. Ich schiebe Panik, verfluche pauschal alle sich in der Stadt befindlichen, motorisierten Vollpfosten aus der Provinz und renne zur S-Bahn. Als die Tür schließt, lese ich 'Wagen heizt nicht'. Unglaublich. Als Einzelunternehmen (für Nicht-Berliner: Bus+Tram+U-Bahn=BVG, S-Bahn=Bahn) kriegen die nichts auf die Reihe und treiben die Berliner Krankenstatistik versagensbedingt in die Höhe, beim Zusammenspiel in sibirischen Krisensituationen sind sie unschlagbar. Sie lassen Straßen- und S-Bahnen ausfallen, zwingen Passagiere zum Rennen und nutzen dann die ertüchtigungsbedingt entstandene Wärme schwitzender Terminbeflissener zum Heizen der Waggons. Gibt es einen Managerpreis für stoisch ausgesessene Problemsituationen bei Temperaturen unter minus fünfzehn Grad? Ich hätte da zwei Kandidaten....