Ausgestelltes

Freitag, 2. Februar 2007

Taken

taken
benennt David Rokeby seine interaktive Video-Installation auf der Transmediale. Überwachungskameras fangen die Besucher der Ausstellung ein und projizieren sie zeitversetzt und überlagert auf dem linken Screen oder zeigen Einzelpersonen auf dem rechten und schreiben ihnen zufällige Adjektive zu.
Got ya, denke ich, fängt dieser Schnappschuß doch den Begeisterungsgrad des Rezipienten (allerdings lediglich den ausgestellten Werken geschuldet) 'zufällig' treffend ein.

Donnerstag, 1. Februar 2007

"unfinish!"(ed)

transmediale










Reflektionen im Fenster vor dem nächtlich beleuchteten Garten der Akademie der Künste waren leider die spannendsten Eindrücke der diesjährigen, immerhin 20. Ausstellung der Transmediale. Keine der präsentierten Arbeiten konnte überzeugen, geschweige denn an die Tiefe der in den Vorjahren gezeigten Werke anküpfen. Langweilig, flach, ideenlos, trivial - einen Besuch definitiv nicht wert.

Dienstag, 12. September 2006

"Schmerz laß nach"...

Schmerz-lass-nach … ist in diesem Fall kein Aufschrei sondern Synonym eines einst markigen Werbespruchs für ein Mittelchen „millionenfach bewährt bei Hühneraugen, Hornhaut und Warzen“. Solcherlei, heute oft skurril anmutender Zeilen finden sich viele in der Ausstellung “Flieg Johanna, flieg… – Eine Reise durch die Werbewelt der DDR“ in den Schönhauser Allee Arcaden.
Alle sind sie hier versammelt: Tele-Otto, früher Lottogewinne von bis zu 500.000 Mark versprechend, die seifenblasenumgebene Fewa-Johanna, das Messemännchen, Symbol der Leipziger Vorzeigeschau „Messe der Meister von Morgen“, der sprittige Minol-Pirol und, und, und.
Höhen und Tiefen ostdeutschen Werbeschaffens und originale Produktbeispiele der 50er bis 70er Jahre vereint die Ausstellung auf zwei Etagen. Ein äußerst belustigendes Beispiel ist „Yvette intim“ ein Unterleibswässerchen „empfohlen auch für den Mann“.
Reklame war ein fester Bestandteil der DDR-Volkswirtschaft. Designed, betextet und plakatiert wurden, mal mehr mal weniger peppig, hauptsächlich Konsumgüter der konkurrenzlosen Wirtschaft des Landes. Dabei schielten die Kreativen gelegentlich auch Richtung Westen.
Mit Symbolfiguren propagierten die Werber oftmals Aktionen zur Verbesserung des Handelsangebotes. Korbine Früchtchen, eine Erdbeere, popularisiert durch die Kinderzeitschrift „Frösi“ (Fröhlichsein und Singen), rief so zum Sammeln von Wildfrüchten auf, um diese in Konsum und HO anbieten zu können.
Ab 1959 gab es auch Fernsehwerbung. In den „Tausend Tele Tips“ wurden Ladenhüter und Neuheiten inländischer Produktion beworben. Manchmal auch mit Pannen. So verschwand ein Geschirrspüler schnell aus dem Programm, hatte er doch rufschädigenderweise diverse Küchen geflutet. Als Warenengpässe immer offensichtlicher und in Volkes Munde besprochen wurden und man staatlicherseits insgeheim feststellte, daß es kaum Konsumgüter zu bewerben gab, stellte man 1976 kurzerhand den Feldversuch schwarz-weißer Buntmalerei ein.
Bis heute aber sitzen wohl bei manchen Zeitgenossen Melodien zu Slogans wie „Baden mit badusan, badusan, badusan“ unlöschbar in den Gehirnwindungen.
Für gelernte DDR-Bürger bietet die Ausstellung außerdem die äußerst amüsante Möglichkeit des Abkürzungsratens. Wer kann erinnern was OGS (Obst-Gemüse-Speiskartoffeln) oder AKA-Elektrik (Aktiv auf dem Markt – Konzentriert in der Handelstätigkeit – Aktuell im Angebot) bedeuten?
Noch bis 16. September empfiehlt sich diese Zeitreise der etwas anderen Art als kleiner Bildungsurlaub in der Shoppingpause.

Sonntag, 10. September 2006

Wölfe im Schafspelz

Woelfe
Beim Betreten der Galerie der Deutschen Guggenheim öffnet sich eine magische Welt. Sogartig durchzieht eine imaginäre Bewegung den Raum, es zischt und knallt - und doch ist alles real.
(Ver)zauberer des Kunstraumes ist der chinesische Künstler Cai Guo-Qiang (*1957). „Head on“ benennt der gelernte Bühnenbildner seinen dreiteiligen Werkkomplex, den er speziell für diese, seine erste große Einzelausstellung in Deutschland geschaffen hat.
Cai, seit 1995 in New York lebend, ist ein Wanderer zwischen den Welten und ein durchdringender Beobachter ihrer Geschichte und Kultur. In seinen Arbeiten verschmelzen Gegenwart und Vergangenheit zu einem Konglomerat verwirrender Eindrücke.
Erst bei genauerem Hinsehen gibt die 4 x 9 Meter große Zeichnung „Vortex“ ihr Geheimnis Preis. Cai bedeckte die Japanpapierfläche mit Schablonen und bestreute sie mit 15 verschiedenen Sorten Schießpulver. Mittels Zündspur entflammt, verschwand das Bild im Innenhof der Deutschen Bank unter einer Rauchwolke, um danach seine, durch Schmauch- und Brandspuren, von Planung und Zufall beeinflußte Komposition sichtbar werden zu lassen.
An der gegenüberliegenden Wand läuft das Video „Illusion II“. Trügerisch ist der erste Eindruck des vermeintlichen Feuerwerks. Elegisch steigen Lichtfunken in die Nacht.
Cai ließ für diese Installation von den Babelsberger Filmstudios ein typisch deutsches Haus auf dem Freigelände hinter der Ruine des Anhalter Bahnhofs nachbauen und füllte es mit Pyrotechnik. 15 Kameras hielten das Abfackeln bildlich fest. Die anfängliche Begeisterung für die farbenfrohe Illumination weicht beim Betrachter schnell einem bedrückenden Gefühl für die zerstörerische Kraft des Feuers. Das Haus brennt nieder. Assoziationen zum zweiten Weltkrieg, zu gegenwärtigen Konfliktherden steigen auf. Verflogen ist die unbedarfte Erlebbarkeit bunten Feuerwerks, machtvoll greift die Kraft der Zerstörung nach dem Betrachter.
Wenige Schritte weiter sind furchterregend die Wölfe los. 99 Isegrims rasen zähnefletschend aufwärts, strömen einem Ziel zu. Des Rudels Spitze zerschellt an einer Glaswand. Schmerzverkrümmt winden sich die Leittiere am Boden. Die Berliner Mauer, Sinnbild einstigen Widerstands, erscheint vor dem Auge des Betrachters. Joseph Beuys’ Aktion „I like America and America likes me“, in der er sich, umhüllt von einem Schaffell und eingesperrt in einen Käfig, über Stunden einem Kojoten aussetzte, scheint hier gegenwärtig. „Deeskalation – hin zur Harmonie“ ist das für Cia. Nicht umsonst ließ er seine Wölfe in China fertigen. Schaffelle umhüllen Korpusse aus Metalldrähten und Stroh, denen Kunststoff täuschend echte Gesichter gibt.
Vertrautes im Neuen entdeckend wird der so virtuos auf der Klaviatur von Schamanentum und Mythen spielende Cia 2008 mit seinen materialisierten Ideen die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Peking gestalten.

Freitag, 28. Juli 2006

Rauschen

rauschen
Noch bis zum 4. August bietet sich Mitte-Flaneuren in der Auguststraße 16 jeden Abend ein beeindruckendes Bild. Pünktlich um 22.30 Uhr schaltet Ingrid Berger ihre Videoinstallation „Rauschen“ an. Alle Fenster des Gebäudes werden von einem pixeligen Flimmern erfaßt.

Dieses Haus mit seiner Klinkerfassade war nie ein Wohnhaus. Als Siechenhaus der jüdischen Gemeinde 1876 eingeweiht, wurden seine Räumlichkeiten bald vom nebenstehenden jüdischen Krankenhaus genutzt. Nach dessen Umzug in den Wedding fanden Institutionen der Wohlfahrt hier ihren Platz. Während des Naziregimes diente der Gebäudekomplex als Ausgangsstation für die Deportation. Ab 1947 hatte hier eine Schule ihr Domizil. Seit 1993 steht das Haus leer.

Der Leerstand erst machte das Projekt der Bühnenbildnerin Ingrid Berger (*1972) möglich. Mit einsetzender Dämmerung verblassen Fassaden und Konturen von Gebäuden. Ihr Inneres wird jetzt durch die Bewohner nach außen getragen. Lampen, Monitore, Fernseher oder Kerzen erzeugen unterschiedliche Lichtstufen, lassen Passanten ausschnittweise am Leben Unbekannter teilhaben.

Ingrid Berger hinterlegte im ersten Teil ihrer Installation alle Fenster mit einem gleichmäßigen, dem weißen Rauschen des Fernsehens ähnlichen, Effekt. Sie schaltet Wahrnehmungen gleich. Nichts erinnert mehr an sich hinter den Fenstern befindliche Individualität. Verschwunden ist die Transparenz des Glases, die Fassade verliert ihren Wirklichkeitsbezug, erscheint als Kulisse. Die immateriellen Lichtpunkte zwingen zur Imagination.

Im derzeit zu sehenden zweiten Teil von „Rauschen“ unterbrechen Störungsmuster die monotone Pixelbewegung, ähnlich dem Effekt beim Drücken des TV-Kanal-Suchlaufes an der Fernbedienung. Dynamische Bewegungen entstehen, das Auge sucht unweigerlich nach Bildern. Die Bewegung zwingt zur Wahrnehmung verstreichender Zeit.
Frappierend und wohlbekannt stellt sich so der Effekt ein, daß nicht wir uns bewegen, sondern das Medium eine Reaktionsgeschwindigkeit vorgibt.

Freitag, 19. Mai 2006

Gelb

Hemmert

Gelb symbolisiert Sonnenlicht, aber auch Eifersucht. Die Farbe beunruhigt und bringt, in einem grellen Ton verwendet, ein gewisses Maß an Gewalt zum Ausdruck. Auf dieses Farbpotential baut Hans Hemmert (* 1960) in seiner Ausstellung ego sum via in der Galerie carlier | gebauer.

Provokant verbindet der in Berlin lebende Künstler in seinen Skulpturen Dinge, die scheinbar nicht zusammen gehören. Da ist die, christlicher Symbolik entlehnte, Mutter mit dem Kinde mit der neuzeitlichen Pistolenlady in gelbem Lack verschmolzen (… was geht, schwester?), da treffen sich Schwertfrau und Baby (and when I arrive at my destination) in einem Monolith. Das in fester Form manifestierte nicht-voneinander-loskommen-können spiegelt die Widersprüche von traditionellem Rollenverständnis und moderner Lebensweise in überspitzter, fast ironischer Weise. Abhängigkeit und erkämpfte Freiheit streben in gleich kraftvoller Bewegung in entgegengesetzte Richtungen, nicht jedoch ohne den Blick zurück der miteinander verschweißten Figuren.

Die gewaltig gelbe Verbundenheit schreibt eine Untrennbarkeit heutigen Seins von der Geschichte fest. Ein Sieg im Kampf der Gegensätze scheint unmöglich – herausfordernde Denkanstöße, die auch den abgebrühtesten Konsumenten so schnell nicht mehr loslassen.

Montag, 1. Mai 2006

Hot Spot ...

Mona Hatoum

… benennt Mona Hatoum ihre raumgreifende Installation die noch bis Anfang Juni in der Galerie Max Hetzler zu erleben ist.
Ein Globus von zwei Meter Durchmesser steht, auf einem Skelett das auf stählerne Längen- und Breitengraden reduziert ist, im abgedunkelten Raum. Gebogte Neonröhren bilden die Umrisse der Kontinente, leuchten mit gläserner Zerbrechlichkeit in orangerot.
Schon der mehrdeutige Titel führt die sinnliche Verspieltheit, mit der die Installation daher kommt, ad absurdum. Eine scheinbare Vertrautheit mit dargestellt Bekanntem zieht den Besucher in den Bann. Jedoch offenbart vorgeblich Alltägliches sehr schnell seine zwiespältige Faszination von Verführung, Verspieltheit, Macht und Bedrohung.

1952 in Beirut geboren und seit 1975 in Großbritannien lebend, wurde Mona Hatoum Mitte der 80er Jahre mit Videoarbeiten und Performances bekannt, in denen sie sich intensiv mit dem menschlichen Körper auseinander setzte (Corps étranger, 1994).

Die Handschrift der Künstlerin ist mittlerweile unverwechselbar. Hot Spot knüpft an frühere Licht-Arbeiten (Light Sentence, 1992) an. Rötliches Licht, gleichzeitig Wärme und Warnung suggerierend, haucht den Grenzen der Kontinente, die hier nur Metaphern sein können, Leben ein. In verspielt daher kommender Ästhetik wird eine globale Bedrohung, die fast zur globalen Normalität verkommen zu sein scheint, eindringlich verdeutlicht.
Eine einfühlsame Ansprache des Rezipienten zwingt selbigen, sich, aus einem gefühlten Konglomerat ästhetischer und politischer Eindrücke heraus, mit der bitteren Wirklichkeit auseinander zu setzen. Physisches Erleben schickt Gedanken in neue Sphären.
Was bleibt sind bedrohliche Beunruhigung und wache Sinne.

Sonntag, 9. April 2006

Ephemere Archaik

Ephemer-1

Kälteklirrende Bruchstücke eines sich stetig wiederholenden Naturschauspiels – ihres Ursprungs beraubt.
16000 Jahre braucht das Eis, um vom Zentrum zum Rand des Vatnajökull Gletschers zu wandern. Tosend stürzt es dann vor der Südküste Islands ins Meer und mit ihm schmilzt erstarrte Zeit in den Fluten.
Sechs Tonnen dieser eisigen Vergänglichkeit hat Olafur Eliasson nach Berlin transportieren lassen und im Schauraum der Galerie Neugerriemschneider (Linienstraße 155) zu einer auratisch wirkenden Installation vereint.
Fröstelnd durchwandert der Besucher den von einem gewaltigen Aggregat auf minus sechs Grad gekühlten Raum.
Bläulich schimmert das Eis, dunkle Einschlüsse lassen die Gewalt der Natur gewahr werden.
„your waste of time“, so der Titel der Installation, spielt auf eindringliche Weise mit der Wahrnehmung des Wechselspiels von Natur und Technik. Die Laufzeit der Präsentation schiebt den natürlichen Wandel von Struktur und Aggregatzustand auf, verhindert ein Auflösen des Konkreten in der Masse.
Mit einer einfachen und gleichzeitig kühnen Idee schafft Olafur Eliasson Sinnlichkeit wie sie direkter nicht sein kann.
Und wenn in zwei Wochen das Kühlaggregat abgeschaltet wird, wird vergehen, was an diesem Ort nie wirklich war.